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PfälzerwaldPfälzerwald

Wegmüssen

Veröffentlicht am 01.09.2019

Seit Wochen hatte es nicht geregnet. Es war Heu, das auf den Wiesen rund ums Dorf gemäht wurde. Die Sonne hatte alle Halme, Kräuter und Wildblumen längst verdorrt. Jeden Morgen standen die Jungen mit dem ersten Hahnenschrei auf, nur ein schmaler Streifen gelblichen Blaus zeigten den nahenden Sonnenaufgang an. Mit der Lampe am Fahrrad ging es auf die weiter entfernten Wiesen, mit der geschulterten Sense zu Fuß auf die näher gelegenen. Das Heu, das duftende Heu musste eingebracht werden, damit für Herbst und Winter vorgesorgt war. Seit die Väter weg waren, blieben nur die kräftigen Jugendlichen, die „Halbstarken“ um diese Arbeit zu tun.

 

Mit einem Stöckchen ritzte ein kleines Mädchen ein Himmel-und-Hölle Spiel auf den staubigen Weg. Sie zog die Linien wieder und wieder nach, damit sie gut erkennbar waren. Die Felder durften nicht zu klein und nicht zu groß sein. Die älteren Mädchen mit den langen Beinen zeichneten das Spiel oft mit großen Feldern, so dass es für sie viel zu schwer war, das Feld mit dem Stein zu überspringen. Sie selbst war 8 Jahre alt, nicht eben groß für ihr Alter. Dafür war sie flink und die lebhaften grünen Augen blitzten in Ihrem rundlichen Gesicht mit den Grübchen in den Wangen. Sie strich sich eine der dunklen Locken aus dem Gesicht, hob einen glatten grauen Stein vom Boden auf und warf ihn in das erste Feld.

 

In der Mitte des Dorfes, wenige Schritte von ihr entfernt, hatten sich alle Frauen und Kinder versammelt. Es waren zwischen zwanzig und dreißig Frauen und Mädchen - und die ganz kleinen Jungen, die noch nicht kräftig genug für die Feldarbeit waren.

 

Heute morgen sollte der Bus kommen und sie hatte ihre Mutter nun schon oft gefragt, wie lange es noch dauern sollte. Sie hatten Wäsche in eine Tasche gepackt und jedes der Mädchen – ihre ältere Schwester war ebenfalls mit zur Haltestelle gekommen – musste soviel Kleidung wie möglich anziehen, sodass sie nicht so beweglich war wie sonst. Bald verlor sie den Spaß am Hüpfen und Springen und zupfte wieder die Mutter ungeduldig am Mantel und fragte, wann der Bus nun endlich käme. Sie konnte es kaum erwarten - war sie doch noch nie mit dem Bus unterwegs gewesen! Sogar Zug sollten sie heute noch fahren, das hatte die Mutter versprochen.

 

Es war merkwürdig, ohne den Vater wegzufahren. Er durfte jedoch nicht mit, die Männer waren schon seit Tagen weg, sie schliefen in der Baracke , die an der Straße zum nächsten Dorf errichtet worden waren. Auch die jungen Frauen waren vor Wochen schon weggeholt worden zum Arbeitsdienst. Ihre große Schwester arbeitete zum Beispiel unvorstellbar weit weg in der Reichshaupstadt Berlin in einer Munitionsfabrik. Nur die Mütter mit ihren minderjährigen Kindern und die Männer aus dem Ort, die zu alt waren um "zu den Soldaten zu gehen" durften mitfahren.

 

Sie hatten alles zurückgelassen. Die Tiere im Stall, die Möbel im Haus und die meisten anderen Gegenstände und Kleidungsstücke. Es waren keine Reichtümer, aber alles, was ihr bisheriges Leben begleitet hatte. Das Haus musste unverschlossen bleiben.

 

Der Bus bog um die Ecke und wirbelte den Staub der unbefestigten Straße auf, seit Wochen schon fehlte der Regen. Sie stiegen ein, nachdem ihre Namen aufgerufen worden waren und setzten sich auf ihre Plätze.

 

Es war der erste September 1939.